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Die Entwicklung der Positiven Psychologie

  • Autorenbild: Andrea
    Andrea
  • 28. Mai 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Von der Happyologie zur ernst zu nehmenden Wissenschaft mit viel Potenzial für die großen Fragen der Welt


Als wir vor ungefähr 12 Jahren unserer Gründungsidee der Spiegelneuronen folgten und das Wohlergehen und die Gesundheit in den Fokus stellten, sind wir auf die Wissenschaft der Positiven Psychologie gestoßen. Es war erfrischend, anders und wichtig, die Themen Glück und das Gute anzuschauen. Außerdem war es längst überfällig, dass sich auch die Universitäten und Forschungseinrichtungen mit der angenehmen Seite des Lebens befassten.


Mit weit zurückreichenden Wurzeln bis zu Carl Rogers, Viktor Frankl und Abraham Maslow in den 1950ern bekam dieses Wissensgebiet ein Hoch als 1998 Martin Seligman, einer der bekanntesten Depressionsforscher und damaliger Leiter der American Psychiatric Association, den Namen prägte und zu weiteren Forschungen aufrief.


Viele folgten und die Erforschung der Positivität nahm Fahrt auf. Für uns war es spannend, denn wir konnten dieses neue Wissen gut in unseren Wissensschatz über psychische Erkrankungen, deren Behandlung, Kulturunterschiede und pädagogische Konzepte integrieren - die Inhalte unseres Studiums.


In der sogenannten ersten Welle (1998 bis circa 2010) haben Wissenschaftler:innen weltweit die Gelngensbedingungen für Wohlbefinden (Zufriedenheit, Glück, Sinn, Positive Emotionen, Charakterstärken, Achtsamkeit und viele andere) untersucht, Konzepte und Modelle entwickelt und gegeneinander abgegrenzt.


Doch nach dem ersten Hype wurden auch kritische Stimmen zur Positiven Psychologie laut. Neben methodischen Schwächen einiger Studien, stieß – und das zurecht – die eindimensionale Betrachtung des rein Positiven sauer auf. Frei nach dem Motto: Jede:r kann glücklich sein, er:sie muss sich nur anstrengen. Kombiniert mit der Botschaft, dass in allem, was passiert etwas Gutes stecke.


Das ist natürlich Quatsch. Wir müssen nur über unseren Tellerrand hinaus blicken: Es gibt genügend Missstände und Ereignisse auf der Welt, in die nichts Gutes hinein interpretiert werden kann und auch nicht sollte. Auch im Leben von uns Einzelnen gibt es immer wieder Ereignisse, Schicksalsschläge oder Tage, die alles andere als gut sind. Auch sie gehören zum Leben dazu und mischen kräftig mit auf der bunten Farbpalette unserer Emotionen, wo es helle und freundliche Farben, aber natürlich auch düstere Töne gibt. Und schlimmer noch: Durch toxische Positivität, also das Versteifen darauf immer glücklich sein zu müssen, entsteht eher das Gegenteil.

Es wurde also Zeit für einen ersten Wandel bzw. eine Anpassung der Sprache der Wissenschaft.


Die sogenannte zweite Welle (bis circa 2015) bezog genau diese Kritik ein. Die Wissenschaft konzentrierte sich auf einen umfassenderen Blick. Nicht nur das Glück wurde erforscht, sondern auch die Folgen von Krisen. Es wurde auch die Frage neu aufgeworfen, warum sich manche Menschen trotz widriger Umstände ihren Lebenswillen und Optimismus erhalten - und andere eher nicht. Die Themen Resilienz, Sinnerleben und posttraumatisches Wachstum wurden aufgegriffen. Und das, ohne die negativen Empfindungen und Herausforderungen zu negieren. Auch wurde die Perspektive geöffnet, dass, ob etwas als positiv oder negativ bewertet wird, vom Kontext, der Kultur und der Situation abhängig ist.


Doch stand die Positive Psychologie vor einer weiteren Veränderung. Bisher richtete sie den Blick vor allem auf den/die Einzelne:n. Und damit auch auf die Verantwortung des Individuums. Nun leben wir alle jedoch in Systemen - wir arbeiten in Unternehmen, leben in Kleingruppen, sind Teil verschiedener Kulturen. Wir werden von diesen Systemen beeinflusst, aber sie tragen auch eine Verantwortung für die Mitglieder.


Mit der dritten Welle wurde auch diese Perspektive weiter geöffnet. Es wurden und werden Fragen nach gelingenden Arbeitsbedingungen gestellt, kulturübergreifende aber auch kultur-verschiedene Faktoren untersucht und nach Gelingensbedingungen in Systemen Ausschau gehalten und erforscht, wie sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen. Damit werden Fragen, aber auch Erkenntnisse immer umfassender und der Komplexität der Welt etwas gerechter.


Doch wo befinden wir uns momentan? Wie geht es weiter mit der Positiven Psychologie?

Natürlich werden alle Fragen aus den ersten 3 Wellen weiter geführt und immer weiter untermauert. Doch bei den globalen Herausforderungen unserer Zeit wie Kriegen, Fluchtbewegungen, Klimaveränderungen, der Gesundheit ganzer Ökosysteme, Ressourcenknappheit und tiefgreifenden komplexen gesellschaftlichen Veränderungen sollte - und wird - der Blick noch weiter geöffnet.


Marié P. Wissing (2022) konstatiert, dass mit der dritten Welle eine ganz neue Wissenschaftsrichtung begründet wurde, die sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird. Die Hauptfrage ist dabei, wie menschliches Verhalten die Beziehung miteinander, aber auch zu unsererUmwelt beeinflusst. Dies dient dazu, sicherzustellen, dass eine nachhaltige Zukunft für alle und zukünftige Generationen entsteht (Schlagworte One Health, Planetary Health and EcoHealth). Die Verbindung von menschlichen und nicht menschlichen Systemen und die Dynamik zwischen den Systemen braucht dabei nicht nur Wissen aus der Psychologie, sondern interdisziplinär und kooperierend aus allen Wissensdisziplinen.



Dadurch entsteht womöglich gerade bereits die vierte Welle der Positiven Psychologie. Der Blick über den Einzelnen, über Systeme hinaus auf ganze Gesellschaften und noch weiter auf die ganze Welt. Den Wunsch, die Welt zu einem guten Ort zu machen für alle, die darin leben.


Wir sind sehr gespannt, wie die Entwicklung weitergeht und unterstützen, dass die Positive Psychologie inzwischen nicht mehr nur das momentane und einfache Glück untersucht und zur Happyologie mutiert, sondern vor allem auch die Herausforderungen, Krisen und Schwierigkeiten des/der Einzelnen, aber vor allem auch Systemen untersucht.

Und umso erfrischender, anders und wichtig sind die Fragen, die inzwischen gestellt werden.


Wir lernen täglich mehr dazu und sind umso bestärkter in unserem Tun. Und vielleicht können wir sogar unser naives Denken ein wenig behalten, die Welt mit unserer Arbeit und unserem Wirken ein kleines bisschen besser zu machen.

 
 
 

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